.

Lebensschule in der Schule

Modellprojekt “Lebensschule in der Schule” an der Grundschule Moritzberg

 

„Sprachkurs ist eines,
das Leben ist etwas anderes.“

Amid Maamari (Vater an der Gelben Schule)

 

Schule ist der Lernort schlechthin. Sie bietet Struktur und Verlässlichkeit. Und sie ist der Ort, an dem sich Lernen in die nachbarschaftliche Lebenswelt einfügt. Dies ist auch der Fall an der Grundschule Moritzberg in Hildesheim, der „Gelben Schule“, die auf vielfältige Weise in das Leben des Stadtteils eingebunden ist (http://gelbe-schule.de ).

In der Schule stehen Räumlichkeiten bereit, die erst ab 13:00 Uhr von den eigenen Ganztagsgruppen genutzt werden. In diesen Räumen soll von Montag bis Freitag jeweils vormittags ein besonderer Lernort entstehen, der vorrangig für die Eltern von Schülern und Schülerinnen mit Fluchterfahrung eingerichtet wird und darüber hinaus weiteren Erwachsenen mit Fluchterfahrung im Stadtteil offen steht.

Zu Beginn des Projektes steht ein Sprachkurs. Hierfür konnte der gemeinnützige Bildungsträger „Ländliche Erwachsenenbildung in Niedersachsen e.V. (LEB)“ gewonnen werden. Mit dem LEB kann ein aus öffentlichen Mitteln geförderter Kurs im Landesprogramm „Förderung von Maßnahmen zum Spracherwerb“ des Landes Niedersachsen (200-Stunden-Sprachkurs) durchgeführt werden. Dieser Kurs schließt mit einem offiziellen TELC – Examen und Zertifikat ab und ermöglicht die Teilnahme an den Integrationskursen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, die zum Erwerb der Zertifikate A1, A2 und schließlich B1 führen, letzteres als eine der Voraussetzungen zum Erhalt des Bleiberechts. Gleichzeitig entspricht der Sprachkurs in Anspruch und Form sehr gut den Möglichkeiten der meisten in der Nachbarschaft eingetroffenen geflüchteten Menschen. Schließlich eröffnet er in seiner Flexibilität den Raum für die Vision dieses Modellprojekts.

Die 200-Stunden-Kurse werden in der an fünf Wochentagen zu je vier Stunden abgehalten. Das entspricht 20 Wochenstunden zu 10 Wochen bei 2 Wochen Ferien. Theoretisch sind während des Kurses Exkursionen und Praxisteile möglich und gewünscht. Da aber die Sprachlehrer und Lehrerinnen die damit verbundenen zusätzlichen Organisations- und Logistikzeiten selber finanzieren müssen und auch den zusätzlichen Einsatz nicht erstattet erhalten, finden diese Exkursionen in der Regel gar nicht oder sehr reduziert statt. Dieses zu ändern ist einer der Ansatzpunkte des Projektes „Lebensschule in der Schule“. Der andere ist die normale enge Eltern-Kinder-Bindung an Grundschulen: Hier sind die Eltern von Schülern und Schülerinnen immer stark engagiert. Durch sie werden darum auch die Eltern von geflüchteten Kindern automatisch Teil der Schulgemeinschaft. Das Projekt richtet sich deshalb vorrangig an diese Eltern und versucht, sie so intensiv wie möglich in den Schulalltag und die Schulpräsenz in der Nachbarschaft zu integrieren.

In der Praxis kann dies so aussehen:

Statt der üblichen fünf Wochentage wird der Sprachkurs auf vier Tage angelegt, an denen jeweils fünf Stunden stattfinden. Dabei ist die fünfte Unterrichtsstunde offen für Begegnungen in der Schulgemeinschaft, etwa gemeinsamer Unterricht der Eltern und ihrer Kinder, Kunstprojekte u.ä.Dazu werden die Kunst- und Werkräume ebenso genutzt wie der Schulgarten und die „Gelbe Garage“ (http://www.hildesheimer-allgemeine.de/news/article/schrauben-flicken-pumpen.html ). Diese fünfte Stunde entspricht dem Praxisteil innerhalb des Kurses. Da kein Ortswechsel stattfindet und die Lehrer und Lehrerinnen der Schule mitarbeiten, ist der Teil für die Leitung des Sprachkurses machbar.

 

Der fünfte Wochentag wird genutzt für ein ausdrücklich praxisbezogenes Erlernen von Alltags- und kommunikativer Kompetenz. Dazu werden die Sprachlehrer und Lehrerinnen unterstützt durch ein von der Nachbarschaft organisiertes Integrationsprogramm. Dieses kann unter der Federführung des gemeinnützigen Moritzberger Vereins „Kultur und Geschichte vom Berge e.V.“ (http://www.hi-moritzberg.de/) stattfinden. Bereits jetzt haben sich der Ortsrat sowie zahlreiche Stadtteil-bewohnerinnen, Einzelhändler, Handwerker, Künstlerinnen, Stadtführer, Lehrerinnen uvm. bereit erklärt zur Mitarbeit am Projekt. Im Idealfall können auf diese Weise nach Abschluss des Kurses zusätzliche Wege in die Erweiterung der Berufskompetenz (Praktika bei Betrieben im Stadtteil) und der Sozialkompetenz (Mitarbeit in Vereinen und anderen Formen des bürgerlichen Engagements) ermöglicht werden. Hierfür wurden erste Vorgespräche mit ortsansässigen Betrieben sowie dem Projekt „Hand in Hand mit Menschen auf der Flucht“ und der Agentur für Arbeit geführt.

 

Zur Durchführung des Projektes und zur Gewährleistung einer kontinuierlichen Begleitung der Lehrer und Lehrerinnen und der ehrenamtlichen Helfer und Helferinnenhat die Schulleitung von der Stadtverwaltung Hildesheim eine Stelle im neuen Bundesfreiwilligendienst mit Fluchtbezug nach §18 des BFD-Gesetzes beantragt. Wenn möglich soll der „Bufdi“ auch das „Café im Vorraum“ koordinieren, das als zweiter Ort neben dem Sprachlernraum die besondere Atmosphäre des Projektes ausmachen kann. In dem Café können vormittags zu den Pausen und ab der 5. Stunden bis zum Beginn des Ganztags „Erholen von den Tücken der deutschen Grammatik“ ebenso einen Raum haben wie Networking und schließlich ein interkulturelles Begegnen. Darum soll das Café allen Menschen offenstehen, nicht nur den Kursteilnehmerinnen.

Es ist geplant, dass das Projekt zum neuen Schuljahr 2016/17 am 6. August 2016 beginnt. Dann würdendie Kursteilnehmer und Teilnehmerinnen ebenso wie alle anderen Schüler und Schülerinnen in der Feier am 13. August 2016 öffentlich an der Schule begrüßt werden. Am 27. August können sie mit einem Stand teilnehmen am „Bergfest“ des Stadtteils, im Herbst an der Apfelernte im Schulgarten und im Advent an den zahlreichen Aktivitäten am Moritzberg. Spätestens ab Januar sollen schließlich parallel zu den Integrationskursen, die die Teilnehmenden dann hoffentlich besuchen können, Praktika und Sozialarbeit im Viertel folgen.

 

Stand: Mai 2016
Else Kruse

 

20160819_09264720160826_18545720160902_090334

Beim gemeinsamen Frühstück in einer 2. Klasse, Mitarbeit beim Aufbau des Bergstraßenfestes (Bürgerfest auf dem Moritzberg), Aufbruch zum Museumsbesuch

 

 

 

Gelbe Schule Einschulung TN 028Gelbe Schule Einschulung TN 024

Einschulungsfeier

 

 

 

 

 

 

 

Alphabetisierungskurs im Rahmen des Projektes „Lebensschule“ der Grundschule Moritzberg                                                                             Oktober 2016

 

Seit acht Wochen lernen sieben Frauen und sechs Männer aus fünf verschiedenen Nationen unter dem Dach der Gelben Schule die Deutsche Sprache. Die TeilnehmerInnen sind Eltern und Verwandte der Schülerinnen und Schüler der Gelben Schule oder wohnen im Stadtteil Moritzberg.

Da einige schon seit Jahren auf die Teilnahmeerlaubnis an einem Deutschsprachkurs warten, wird dieser Kurs dankbar angenommen. Hier spielt es keine Rolle, ob sie aus einem von der Politik anerkannten Krisenland stammen. Dass sie alle die deutsche Schriftsprache noch nicht beherrschen, war für die Aufnahme in diesen Kurs eher förderlich. Da nicht genügend Alphabetisierungskurse in der Stadt angeboten werden, können viele Interessierte auch nicht an den sogenannten Integrationskursen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) teilnehmen. Dieser Deutschkurs an der Gelben Schule bietet ihnen erst die Voraussetzung zur sprachlichen und damit auch beruflichen Integration in Deutschland.

Viele der KursteilnehmerInnen haben in ihren Herkunftsländern maximal fünf Jahre die Schule besucht, einige gar nicht. So wird hier eifrig mit gegenseitiger Unterstützung das Alphabet gelernt. Die Schulkinder aus der 1. und 2. Klasse kommen täglich für 10 Minuten in die Klasse der Erwachsenen. Dann wird gemeinsam die Fibel gelesen und die ersten Worte an die Tafel geschrieben. Der Lernspaß ist auf beiden Seiten so groß, dass immer wieder daran erinnert werden muss, dass die Unterrichtseinheit beendet ist.

Alle befinden sich in einer schwierigen und sehr belastenden Lebenssituation. Viele sind von ihren Familie getrennt und machen sich große Sorgen um sie. Dennoch bemühen sich alle nach Kräften hier in Deutschland Fuß zu fassen und für sich eine Perspektive zu entwickeln. Die Freiwilligen vom Stadtteil Moritzberg tragen einen großen Teil dazu bei, wenn freitags Exkursionen im Stadtteil und in der Stadt angeboten werden. Im zweiten Teil des Kurses sind dann auch Besuche in den Betrieben vom Moritzberg geplant, so dass hier auch eine Überleitung zum beruflichen Einstieg vorbereitet werden kann. Natürlich Bedarf es dafür noch besserer Deutschkenntnisse und einer qualifizierten, in Deutschland anerkannten, Ausbildung.

Angela Meinck, LEB
Projektleiterin SiGH‘s
LEB Beratungsbüro Hildesheim

Tel.: 05121/ 98 91 51
Fax: 05121/ 40 21 65
E-Mail: Angela.Meinck@leb.de

Ländliche Erwachsenenbildung in Niedersachsen e.V.
Scheelenstraße 2
31134 Hildesheim

image001