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Anitas neuer Rock

Basar 1

Wie kann es sein, dass Menschen im Winter frieren müssen – mitten unter uns? Diese Frage stellten sich die Schrauberinnen und Schrauber der GELBEN GARAGE, als im vergangenen Winter immer wieder Geflüchtete, darunter auch viele Kinder, in dünnen Jacken vor der Werkstatttür warteten. Einige Geflüchtete, wie Herr Thaer Ghazal, trauten sich offen über die Hintergründe zu sprechen: Er musste nachts mit seiner Familie aus seinem Heimatort fliehen. Daesch, wie die Terrormiliz des sogenannten islamischen Staates (IS) verächtlich auf Arabisch genannt wird, hatte die Ortschaft umstellt. Anstelle von Reisegepäck trugen er und seine Frau die kleinen Töchter. Nur eine winzige Reistasche mit dem Nötigsten konnte er auf der nächtlichen Flucht zwischen den Stellungen der Terroristen hindurch retten. Haus, Auto, Kleidung…Heimat blieben zurück. Seit Beginn der Flucht zu Bittstellern degradiert, fällt es vielen Geflüchteten unglaublich schwer, nach Kleidung zu fragen. In ihrem alten Leben zählte Kleidung zu den selbstverständlichen Dingen, bevor sich plötzlich alles veränderte.

Für die Crew der GELBEN GARAGE waren frierende Menschen vor ihrer Werkstatttür ein untragbarer Zustand. Einige der Mechanikerinnen und Mechaniker legten urplötzlich ihre Arbeit nieder und trafen sich zu einer Beratung. Wenig später stand der Entschluss fest:

Wir spenden Kleidung!

Schnell wurde klar, dass dafür Organisationsstrukturen aufgebaut und Räumlichkeiten geschaffen werden müssten. Kurzerhand wurde der GELBE KLEIDERKORB (Ge.K.Ko) gegründet. Als Ort wurde ein Bereich des Foyers anvisiert, strenge Brandschutzvorschriften ließen dies jedoch nicht zu. Provisorisch und mit ehrenamtlicher Unterstützung durch die Geflüchteten Thaer Ghazal und Mansour Moradi wurde zunächst innerhalb der Werkstatt ein Bereich hergerichtet. Kleiderspenden erhielt Ge.K.Ko in der Folgezeit reichlich. Die Mutter einer Mechanikerin erklärte sich außerdem bereit, die liegen gebliebene und seit Jahren eingelagerte Kleidung ehemaliger Schülerinnen und Schüler zu waschen und zu trocknen. Außerdem versorgte sie Ge.K.Ko mit hochwertigen Kleiderständern, auf denen die Kleidungsstücke nun sortiert und präsentiert werden konnten.

Seinen vorläufigen Höhepunkt hatte das Projekt am 29. September 2016. Für diesen Tag hatte Ge.K.Ko einen großen Kleiderbasar in der Flüchtlingsunterkunft in der Senkingstraße organisiert. Unterstützt wurde Ge.K.Ko dabei von Wohnen & Betreuen, die die Räumlichkeiten zur Verfügung stellten, sowie durch Flux, die über ihr Netzwerk bei der Verbreitung der viersprachigen Werbeflyer halfen.

Als der vollbeladene Transporter am Nachmittag des 29. Septembers auf den Hof der Flüchtlingsunterkunft rollte, wurde er bereits von einer großen Schaar Helferinnen und Helfer erwartet, die meisten davon Kinder und Jugendliche. In der ersten Reihe stand Anita, ein siebenjähriges Mädchen, das mit seinen Geschwistern und seiner Mutter in der Unterkunft wohnt. Anita hatte sich eher zufällig den Gesprächen angeschlossen, die Sebastian (ehemaliger Vorstand der GELBEN GARAGE) mit Betreuen & Wohnen im Vorfeld geführt hatte. Anita war begeistert von der Aktion und davon, endlich etwas mitgestalten zu können. Der Eifer, den sie in der Woche vor dem Basar gezeigt hat, muss immens gewesen sein, anders ist die Vielzahl der Helferinnen und Helfer nicht zu erklären, die Punkt 14 Uhr bereit standen.  Noch beeindruckender ist dabei, dass das erst siebenjährige Mädchen bereits in der Planungsphase ein klares Bild von der Aktion gewonnen haben muss. Folgerichtig entschied sie, Ge.K.Ko mit einer Helfermannschaft zu unterstützen – und zu überraschen!

Im zweiten Stock angelangt, halfen Anita und ihre Crew wie selbstverständlich mit, die Kleidungsstücke auf Bügel zu hängen und zu sortieren. Kurz darauf begann der erhoffte Ansturm auf die Kleidungsspenden.Basar Die bescheidene Anita musste nun regelrecht dazu überredet werden, sich einen Rock mitzunehmen, der ihr bereits beim Auspacken sehr gut gefallen hatte. Pflichtbewusst und selbstlos hatte sie den Rock zunächst zu den anderen Röcken gehängt. Nun freute sie sich darüber, wie über ein kostbares Geschenk.

Im Namen von Ge.K.Ko danke ich dir, liebe Anita! Ich hoffe, du hattest noch ein paar sonnige Tage nach dem Basar, an denen du deinen neuen Rock tragen konntest. Danke!

Hubertus v. Hoeren